Als Doctorsitos in der Audiometrie

Nach dem Carneval in Cajamarca wurden wir von Toni Merk, einem Hörgeräteakustiker aus dem Allgäu, gefragt, ob wir ihm beim Einrichten der Audiometrie im Kinderheim helfen könnten. Seit 1998 sammelt er gespendete Hörgeräte um hier inCajamarca hörbehinderten Kindern zu helfen. Während eines dreimonatigen Aufenthalts im Jahr 2000 richtete er die Audiometrie in der Behindertenschule ein. Eine komplette Mess- und Laborausrüstung wurde dafür von der Fa. egger Hörgeräte & Labortechnik GmbH gespendet. Leider wurde sie nicht durchgehend betrieben und deswegen war er jetzt wieder für ein paar Wochen in Cajamarca um sie erneut einzurichten. Im Gepäck hatte er zahlreiche Spenden aus Deutschland mit dabei. Unter anderem Hörgerate, Batterien, zwei Computer und die passende Software um die mitgebrachten digitalen Hörgeräte programmieren zu können.

Während der Arbeit bekamen wir einen Einblick in die Technik und Vorgänge der Audiometrie und welche Möglichkeiten Hörgeräte eigentlich bieten. Unser Interesse war geweckt und Toni zeigte uns in der verbleibenden Zeit die verschiedenen Hörgeratetypen und die einzelnen Schritte in der Audiometrie. Als erstes werden die persönlichen Daten der Patienten aufgenommen und ein Fragebogen durchgegangen, der Fragen enthält über das Arbeitsumfeld, Grund des Hörverlustes, wann und was der Patient besser hört etc. Als nächstes folgt der Hörtest, bei dem die Hörgrenze, also die Dezibelschwelle gemessen wird, ab der der Patient anfängt zu hören. Als nächstes messen wir die Unbehaglichkeitsgrenze, also wann es ihm definitiv zu laut ist. Als drittes messen wir noch die Werte der Knochenleitung. Das bessere Gehör kompensiert nämlich einen Teil des schlechteren Gehörs. Die Schallschwingungen versetzen den Schädelknochen in Schwingungen und auf diese Weise hört man ab einer gewissen Lautstärke Töne mit dem besseren Ohr, obwohl der Schall eigentlich auf das schlechtere zuerst trifft. Auf diese Weise können wir feststellen ob die Werte der Hörgrenzenmessung auch wirklich der Wahrheit entsprechen oder durch die Übertragung der Töne durch den Knochen verfälscht wurden. Falls dies der Fall ist, führen wir zwei weitere Messungen durch um die Werte des schlechteren Gehörs zu korrigieren. Der nächste Schritt ist ein Abdruck des Gehörganges und der Ohrmuschel. Mit einer Zwei-Komponenten-Silikonmasse spritzen wir den vorderen Teil des Gehörganges und die Ohrmuschel aus, nachdem wir den Gehörgang mit einem Schaumstoffstück verschlossen haben. Nach ein paar Minuten ist die Masse trocken und kann aus dem Ohr entfernt werden. Überschüssiges Material schneiden wir weg und mit Gips stellen wir mit Hilfe des Abdruckes ein Positiv des Ohres her. Sobald der Gips trocken ist entfernen wir den Silikonabdruck und füllen eine Acrylmasse in die Gipsform. Im Druckbehälter wird die Masse durchsichtig. Dann muss das Ohrstück nur noch zurechtgeschliffen und mit einer Bohrung für den Lautsprecher des Hörgeräts versehen werden. Als letzter Schritt folgt die Anpassung des Hörgerätes an den Patienten. Digitale werden werden mit dem Computer und der Herstellersoftware eingestellt, ältere analoge Modelle werden mit einem speziellen Gerät eingestellt. Somit erhält jeder Patient ein auf sich persönlich eingerichtetes Hörgerät. In den folgenden Wochen wird das Hörgerät nachjustiert um es möglichst perfekt den Bedürfnissen des Patienten anzupassen.

Außer uns beiden arbeiten in der Audiometrie noch drei Peruanerinnen mit. Conzessa, die Lehrerin der Gehörlosenklasse in der Behindertenschule, Vilma, die hauptsächlich die Ohrstücke schleift und Nympha, die dabei ist sich in alles einzuarbeiten aber später wohl hauptsächlich für organisatorische Dinge wie Terminplanung, Kasse etc. zuständig sein wird. Conzessa und Vilma haben auch schon früher in der Audiometrie gearbeitet, als sie noch in der Schule untergebracht war.

Die Dienste, die wir hier anbieten, sind weitestgehend kostenlos. Von Patienten, die genug verdienen, um etwas zu bezahlen, verlangen wir für das Hörgerät und die Behandlung aber einen Preis in Form einer Spende, der sich an ihrem Einkommen orinetiert. So können wir laufende Unkosten wie zum Beispiel Materialkosten für Gips etc. sowie Personalkosten mitfinazieren. Unsere Hauptziele in der Audiometrie sind folgende: Primär wollen wir Kindern helfen. Aus dem Kinderheim, aus der Schule und aus der Umgebung von Cajamarca. Nebenher auch noch Erwachsenen, die schon ein Hörgerät haben oder dringend eines brauchen.

Mindestens genauso wichtig ist, dass die Audiometrie auch bestehen bleibt, wenn wir beide wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind. Unter dieser Bedingung war Toni auch nur bereit, nocheinmal herzukommen und alles einzurichten. Deswegen ist es wichtig das die drei Peruanerinnen hier arbeiten und im nächsten halben Jahr vielleicht noch jemanden mit ins Boot zu holen und einzuarbeiten. Richtig schön wäre es natürlich auch, wenn wir einen oder zwei der nächsten Freiwilligen einarbeiten könnten, jedoch könnte sich das schwierig gestalten, da es kaum Überschneidungszeiten gibt in der Dienstzeit zweier Freiwilligengenerationen, da ab unserem Jahr der Dienst nur noch 12 Monate geht, statt bisher 13.

Mit angehenden Zahnärztinnen in Asuncion

Es ist Freitag, der 13te März. Heute sollen wir mit zwei angehenden Zahnärztinnen, Sofia und Stefanie aus Würzburg, nach Asuncion, eine kleine Stadt 65km bzw. 2,5h Autofahrt von Cajamarca entfernt, fahren. Dort wollen sie 3 Tage lang kostenlos behandeln im Zuge ihrer Famulatur, für die sie für 6 Wochen nach Perú gekommen sind. Am Vormittag beladen wir die Camioneta (Pickup) mit der Ausrüstung und unserem Gepäck für das Wochenende und nach dem Mittagessen geht es los, obwohl wir wissen, dass ein Erdrutsch in der Nacht die Straße versperrt hat. Aber wir hoffen, dass die Straße mittlerweile geräumt ist, wenn wir an der Stelle ankommen.

Nach einer knappen Stunde erreichen wir die Autoschlange vor San Juan, die sich durch die versperrte Straße angestaut hat. Zu Fuß laufen wir noch ein Stück die Straße hinunter um zu sehen wie weit die Aufräumarbeiten sind und ob es schon bald weiter geht. Wir sehen aber, dass eine riesige Schlammlawine drei Straßenabschnitte der langezogenen Serpentine verschüttet hat und die Radlader wohl noch lange brauchen würden. Von unserem Aussichtspunkt können wir ein Straßenschild erkennen, das gerade noch aus dem Schlamm ragt. Von unten dringen die Motorgeräusche und das Rauschen von Schlammwellen herauf, die vom Radlader den Hang hinuntergeschüttet werden. Deshalb entschließen wir uns zurückzufahren und am nächsten Morgen früh einen neuen Versuch zu wagen. Am Abend erfahren wir, dass die Straße wieder frei ist und die Busse aus Lima bereits in Cajamarca angekommen sind.

Um 7 Uhr machen wir uns erneut auf den Weg und diesmal erreichen wir unser Ziel. In San Juan müssen wir durch die Arbeiten noch kurz warten aber ansonsten kommen wir ohne Probleme bis nach Asuncion. Unterwegs fahren wir an zahlreichen abgerutschen Hangstücken vorbei, die Straße ist aber immer schon freigeräumt. Durch die Regenzeit weicht die Erde auf den Hängen auf und rutscht in günstigen Fällen gerade ein bisschen auf die Straße aber es kommt regelmäßig auch zu so großen Schlammlawinen, die die Straßen zum Teil unter ein zwei Meter Schlamm und Geröll begraben.

In Asuncion tragen wir ersteinmal das Equipment ins Rathaus, wo wir die nächsten drei Tage mit den Zahnärztinnen zusammenarbeiten. Wir bauen alles auf, beziehen unsere Zimmer und fangen vor dem Mittagessen schon mit dem Behandeln an und setzen die Arbeit später bis zum Abend fort. Zwischendurch bringe ich unser Gepäck in ein anderes Haus, da es in unseren Zimmern keinen Strom und deswegen weder Licht noch warmes Wasser gibt. Die Zahnärztinnen wechseln sich immer wieder ab, da die Leute nur zum Zähneziehen und zur Kariesbehandlung gekommen sind. Bei einigen wenigen gibt es auch noch Zahnstein zu entfernen. Adrian assistiert bei den Füllungen und Tim beim Zähneziehen. Wir reichen ihnen die Instrumente und Tupfer, richten das Füllungsmaterial und die Spritzen mit dem Betäubungsmittel und desinfizieren Spuktrichter und Instrumente nach deren Benutzung. Wir lernen in den paar Tagen viel über die Hintergründe des Zähneziehens, Bohrens und der Zahnerkrankungen und werden schnell ein eingespieltes Team. Dass die beiden Mädels super nett sind, macht es uns nur noch leichter.

Am Sonntag fangen wir schon früh um halb neun an. Um halb eins nimmt Sophia noch ein Mädchen dran um ihr einen Zahn zu ziehen und danach wollen wir Mittagessen gehen. Bis der Zahn aber komplett draußen ist vergehen zweieinhalb Stunden und es wird 16 Uhr bis wir weitermachen. Das Mädchen ist aber nicht die Einzige, bei der es so lange dauert. Den ganzen Vormittag kommen wir mit dem Zähneziehen nicht voran, erst nach dem Essen kommen Patienten mit „leichteren“ Zähnen dran. Als der Arbeitstag vorbei ist haben wir 12 Stunden gearbeitet und fallen hundemüde ins Bett. An Kartenspielen oder irgendwo noch etwas trinken gehen und sich unterhalten ist nicht mehr zu denken.

Als wir am Montagnacht um 12 Uhr mit der letzten Patientin behandelt haben, sind wir 17 Stunden auf den Beinen gewesen und haben seit Samstagvormittag etwa 70 bis 80 Patienten helfen können. Viel mehr als sie woanderst in der gleichen Zeit behandeln konnten, sagen die beiden und sind richtig froh, dass wir beide dabei waren und ihnen helfen konnten. Leider konnten sie trotzdem nicht allen Patienten helfen. Auch am Dienstagmorgen beim Aufräumen kommt noch ein Mann, der nicht gewusst hatte, das wir hergekommen sind und er war sicherlich nicht der einzige.

Für die Leute aus Asuncion sind wir ein riesen Ereignis, zum Teil stehen 15 wartende Patienten oder mehr um den Stuhl herum und schauen interessiert zu wie der Karies herausgebohrt wird und die Füllung in den Zahn kommt beziehungsweise wie Zähne aus dem Knochen gehebelt und gezogen werden.. Auch sonst herrscht nicht die Wartezimmerstimmung, wie wir sie aus Deutschland kennen. Die Frauen spinnen Wolle, stillen ihre Kinder und es wird viel gelacht und sich unterhalten. Sehr gerne amüsieren sie sich auch über Verständigungsprobleme, die immer wieder auftreten. Sei es durch die tauben Zungen der Patienten oder Missverständisse bei den Unterhaltungen mit ihnen.

Gerne wären wir noch einen Tag länger geblieben aber wir müssen wieder zurück nach Cajamarca fahren, wo wir pünktlich zum Mittagessen ankommen.

Uns hat das Wochenende viel Spaß gemacht und es war eine willkommene Abwechslung in unserem Alltag. Vielleicht kommen im August, wenn wieder Semesterferien sind, andere angehende Zahnärzte, mit denen wir losziehen können.

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